(Wert-) Werden - ein Ausstellungsexperiment des „rauschhauses“
 

 

KONZEPT

 

 


 

Arbeitsphase:
13.- 30. September 2010

Ausstellung:
1.-3. Oktober 2010

 

Künstler-Sein bedeutet nicht nur stetiges Untersuchen persönlicher Erfahrungswerte,
politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ideen und konkreter Geschehnisse, sondern auch das
Reflektieren des eigenen Verhaltens zu sozialer, politischer und wirtschaftlicher Aktualität.

Arbeit, Leistung, Effizienz sind Begriffe, die in unserer Lebenswelt eine hohe Frequenz
aufweisen. Ihnen eigen ist, dass mit ihrer Verwendung Wertigkeit von Menschen und ihrem
Tun konstituiert wird. Als Maßstab dieser Wertigkeit, für den einzelnen, als auch für die
Gesellschaft, dient das Geld als Geld-Wert, der in seiner Logik immanenten Wert veräußernd
ersetzt. Nicht genug, dass Geld als objektivierter, habhaftbarer (Ersatz-) Wert
Wertvorstellungen jenseits monetären Wertes zu dominieren droht – ist es selbiges, das in
symbolischer Generalisierung unsere Kommunikation entsozialisierend, lenkend vereinfacht
und folglich unser Denken über ein gesundes Maß hinaus determiniert.

In Zeiten von Finanzknappheit und Sparzwang wird dort genommen, wo Wertigkeit nicht
nach monetären Maßstäben gemessen werden kann: Bildung, Soziales, Kultur, Kunst –
Lebensbereiche, die einer Geld-Logik entgegenlaufen, aber zum Wohle ihres Werdens (eben
weil ein Anrecht auf finanzielle Förderung weggespart) sich den Strukturen und Mechanismen
eines Wirtschaftssystems anheimgeben, das gerade mit der Vereinnahmung seine stärkste
Waffe besitzt. Wertigkeit wird Geld-Wert und damit Produkt für die Wachstumsmaschinerie.
Dem gegenüber muss sich die Kunst als inkommensurabel positionieren, will sie ihren
eigenen Wert formulieren – einen Wert, der Entgeneralisierung von Kommunikation und
Stärkung von Intersubjektivität, der Entstarrung und Systeminkonformität in der Reflexion,
der Konfrontation mit Fremdheit und Unbehagen, der Exponiertheit und Verletzlichkeit,
schließlich infinites Suchen nach anderem Vokabular bedeutet – Wert-Werden, Selbst-Wert
der Stärke, nicht des Bittstellers, um jenseits monetärer Zwänge wieder attraktiv für
Förderung zu werden.

Das „rauschhaus“ lädt Kunstschaffende aller Bereiche zu einem Experiment ein: Unter der
Prämisse der Streichung des Wortes Geld und all seiner Supplemente aus unserem Vokabular,
sollen in einer gemeinsamen Arbeitsphase mit anschließender Ausstellung u.a. folgende
Fragen künstlerisch und diskursiv reflektiert werden:

Was ist der Wert der Kunst? / Liegt ihr Wert im Kunstobjekt, in der ästhetischen Praxis, im
Arbeitsprozess, in der Reflexion oder wo sonst? / Was leistet künstlerische Praxis für das
Leben und das Soziale und für die Wirtschaft? / Wie kann sich die Kunst vor Vereinnahmung
sichern? / Wie kann man als Künstler (über-) leben? / Ist staatliche Förderung von
Kulturschaffenden notwendig und gibt es auch andere Möglichkeiten? / Kann Kunst
Fluchtlinien aus dem Krisen-Diskurs aufweisen? / Was kann sie, was das Wirtschaftssystem
nicht kann und gibt es Möglichkeiten gemeinsamen Werdens? / Hat ästhetische Praxis noch
revolutionäres Potenzial? / Kann man überhaupt das Wort Geld aus seinem Vokabular
streichen und was passiert unter dieser Voraussetzung mit der Reflexion und der
künstlerischen Arbeit? / Dazu Konzeptionelles und Kuratorisches: was stellen wir eigentlich
aus und wie?

Da das Ausstellungexperiment (Wert-) Werden nicht nur auf finanzielle Förderung verzichten
muss, sondern konzeptionelle Konsequenz ein Budget untersagt, sollen immer wieder die
(Un-) Möglichkeiten dieses Vorgehens reflektiert werden sowie Problemlösungen, alltägliches
Umgehen in der Praxis mitgedacht und ästhetisch, konzeptionell Bearbeitet werden.

 

 

DAS MANIFEST

zum
Ausstellungsprojekt
Rauschhaus (1)
vom 21.11.2009

Wie der Zwerg auf den Schultern des Riesen glauben wir mehr wahrzunehmen als unser Träger; doch es heißt wir sähen nur andere Zwerge auf den Schultern anderer Riesen und die Gefahr erscheint groß, dass uns das Bündel an Konventionen und Referenzen auf unserem Rücken uns aus erhabener Position stürzen lässt.

Wir bewegen uns in einer Welt, in der alles schon dagewesen zu sein scheint. Uns wurde gelehrt, wir bewegten uns in einem Feld von Bezügen und Verquickungen zu vergangenen Ausdrücken und Sprachen, die alles Neuentstehende zu unterminieren drohen.

Wann immer wir um neuen Ausdruck ringen, bleiben wir in altem Vokabular hängen; alles was wir gestalterisch in die Hände nehmen bleibt nur ein Teil der uns umgebenden Vielgestalt, das schon tausende vor uns in Händen gehabt haben.

Wenn wir neues Schaffen wollen, einen neuen Ausdruck erproben wollen müssen wir uns von den Partialitäten und Partikularitäten lösen – unsere Wahrnehmung der Welt überschreiten, Differenziertheit zu Gunsten von Komplexität aufgeben.

Das Entstehen von neuen Ausdrucksformen ist nur im Zulassen des Wirren, Chaotischen und Ungeformten möglich – im Nicht-Beherrschen des sich entwickelnden neuen Vokabulars. Wir müssen uns in den Rausch des Lebens werfen zum Ziele eines neuen Zusammensetzens von Wirklichkeit.

Der Rausch ist der Modus, der die uns beherrschenden Sinnzusammenhänge überschreitet und in eine andere Ordnung überträgt; ein Wahrnehmungszustand, der nur auf Wahrnehmung ausgerichtet ist – ein ästhetisches Prinzip des Zurückführens auf unmittelbares, sensitives Erleben.

Künstlich herbeigeführter Rausch ist nur eine Kategorie dieser Erfahrungswelt. Rauschhaftes Wahrnehmen ist viel mehr! Es lehrt Fülle und Vielgestalt zu erleben, zwingt uns durch Bewußtwerden von Simultanität in die unmittelbare Unmittelbarkeit momenthaft gesteigerter Gegenwartserfahrung, Komplexität wird darin greifbar ohne sie reduzieren und deduzieren zu müssen. Der Rausch erlaubt uns ein Spiel zu beginnen, das jegliche unser Denken strukturierende Differenzen aufhebt, unser Begehren nach Paradoxien steigert, die Lust am Kontrollverlust anregt, unser Ich entgrenzt, unsere Wirklichkeit entgrenzt, unsere Wahrnehmung entgrenzt, Befreiung von Konvention, Sehnsucht nach Einheit in der Vielheit – Alles ist Eins und Eins ist Alles; Alles ist Nichts und Nichts ist Alles.

Rausch ist ist Erfahrung von Transzendenz und Immanenz; im Sich-Stürzen in die Fülle ahnen wir die Existenz des Ur-Einen. Eine Ahnung die Ahnung bleiben will, die Ungestalt bleiben will, denn Rausch ist Interessenlosigkeit, Abkehr von zweck- und zielorientiertem Handeln, eine Apologie der Sprachlosigkeit und Irrationalität.

Wenn wir neues erschaffen wollen müssen wir eins werden mit dem Rausch – unser Ausdruck muss Rausch werden, unser Darstellen und Dargestelltes muss Rausch werden, unser Erleben muss Rausch werden.

Wir müssen bereit sein uns zu öffnen, gewohntes abzustreifen, das Leben als Rausch anzunehmen; nicht nur das Wort Rausch begreifen, sondern sich in dem Wort begreifen.

Es lebe Dionysos!

contact: rauschhaus@gmx.de